In den letzten Wochen habe ich einen echten Rollenspiel-Klassiker gespielt. Gothic (Teil 1) erzählt die Geschichte von einem Abenteurer, der in ein mit einer magischen Barriere umgebenes “Gefängnis” geworfen wird und versucht, wieder ins Freie zu kommen. Die Barriere ist so groß, daß sie mehrere Täler, einige Städte bzw. Dörfer und auch unterirdische Bereiche wie Höhlen und Minen umschließt. Der Spieler erfährt gleich am Anfang, daß sich die Bewohner in mehrere Fraktionen – die Lager – gespalten haben, die jeweils verschiedene Ziele verfolgen. Man entscheidet sich für eines dieser Lager und erhält eine entsprechende Ausbildung, die aber in jedem Falle aus einem ausgewogenen Mix zwischen Kampfkunst und Zauberei besteht.
Vor allem aber erlebt man die Story aus der Perspektive des entsprechenden Lagers. Ich möchte nicht zuviel verraten, aber es gibt einige drastische Wendungen in der Story, die zwar von der Idee her nicht neu sind, aber in einem Rollenspiel trotzdem noch nie so gut umgesetzt wurden – auch nicht in den Nachfolgern Gothic II bzw. Gothic III. Allein deshalb lohnt es sich, die Gothic-Reihe am Anfang zu beginnen.
Die Athmosphäre in Gothic ist – vor allem für ein Spiel aus dem Jahr 2001 – unglaublich dicht. Dafür sorgt die Detailverliebtheit der Designer: Jeder Teil der Welt erfüllt seine (romantischen) Klischee-Vorbilder: vom mittelalterlichen Marktplatz bis zum verlassenen Leuchtturm mit Felsengang bis zur geheimen Bucht an der Steilküste. Es gibt finstere Wälder, in denen böse Monster hausen. Es gibt aber auch lieblich dahinplätscherde Bäche. Man erhält sofort erste Quests und wird von diesen durch die gesamte Story geführt. Das schöne ist, daß jede Quest Sinn macht. Man hilft Fremden aus der Patsche, freundet sich möglicherweise an und kämpft später vielleicht Seite an Seite. Ich kann mich an kein Rollenspiel erinnern, bei dem ein vergleichbares Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht.
Leider ist bei aller Perfektion das User-Interface auf der Strecke geblieben. An die konsolenartige, genre-untypische Steuerung gewöhnt man sich noch relativ schnell. Den Vogel schießt allerdings das Inventar ab, in dem man umständlich alle Kategorien nacheinander durchblättern muß. Selbst so wichtige Gegenstände wie die in der Gothic-Welt gültige Währung Erz sind tief vergraben – vor allem beim Handel sehr hinderlich. Glücklicherweise wurde das beim Nachfolger leicht verbessert. Es fehlt die Möglichkeit, Zaubersprüche oder Tränke auf Hotkeys zu legen. Es ist damit so gut wie unmöglich, während eines Kampfs die Strategie zu wechseln.
Ein Problem sind auch die Bugs. In der ersten Spielhälfte läuft das Spiel noch recht stabil. Später empfiehlt sich dann jedoch häufiges Speichern, da Probleme beim Memory Management das Spiel immer mal wieder in die Knie zwingen. Am Ende ist es dann gar dem Zufall überlassen, ob man bestimmte – an sich harmlose – Stellen ohne Programmabsturz passieren kann. Probleme dieser Art ziehen sich übrigens durch die ganze Gothic-Reihe und zeigen in Gothic III ihren Höhepunkt.
Trotz der technischen Probleme ist Gothic ein Muß für Rollenspieler. Zusammen mit Teil 2 übertrifft es Urgesteine wie die Ultima-Serie, vor allem weil der Spagat zwischen packender Story und athmospärisch dichter 3D-Grafik hier erstmalig wirklich gelungen ist. Ein Jammer, daß sich das Entwicklerteam Piranha Bytes aufgrund des nicht die hohen Erwartung erfüllenden Gothic III vom Gothic-Universum trennen mußte…